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Die Krähen

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Oskar - ein Jugendroman

Jugendbuch "Die
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Die Eroberung - ein Jugendbuch



Die Krähen

Erstbegegnungen

Nunmehr, heute, wo sich die Krähen derartig epidemisch ausbreiten, jeder zweite Artgenosse, der mir begegnet, schon so schwarz und undurchdringlich düster erscheint, erinnere ich mich an das erste Mal, wo ich ihnen begegnet bin. Ein Mädchen hatte es mir angetan und obwohl ich solch gesellschaftlichen Verpflichtungen sehr abgeneigt gegenüber gestellt war und bin, leistete ich ihr Folge, als sie mich auch mit ihrer Familie bekannt machen wollte, die ihr so wichtig war, nämlich in einem Grade, dass man sagen konnte: so wichtig, wie sie sich selbst nahm. "Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus", tönte mir die Begrüßung ihrer Mutter entgegen, voran die gereichte Hand, und momentan konnte ich auch keinen Grund entdecken, ihr nicht auch meine entgegen zu strecken. Wie naiv ich doch noch war, ja, jung und dumm, wie man so sagt. Diese Gesellschaft bestand außer den Eltern zudem noch von Gästen, so dass sich zwei Parteien gegenüber saßen: Freundin und Eltern hier, die bestrebt waren, mich kennenzulernen und etwas abseits meines Interesses die geladenen Gäste dort. Diese außerfamiliäre Partei, die zweite nun, versuchte mich aber bald auch in ihren Bund einzubeziehen, indem sie sich nach einiger Zeit versteckter eingehender Prüfung einig geworden war darin: Dich kennen wir doch auch! Ich merkte, dass mir dies nun unangenehm war, im Gegensatz zur Mutter, die lächelte und lächelte, sogar jetzt strahlte, und es war mir unmöglich, diese Leute da richtig zu akzeptieren (der Leutebegriff erinnert an gewöhnliche Menschen). Davon abgesehen war die Aussage, dass ich ihnen bekannt sei, höchst unwahrscheinlich. Es war unglaubwürdig, dass ich mit diesen je, ja nur einen Gruß ausgetauscht hatte, gar, dass diese mir überhaupt über den Weg gelaufen waren oder ich ihnen, mochte ich sie auch nicht registriert haben. Es lag in dieser Aussage ein Bestreben darinnen, mich zu Ihresgleichen zu machen, gegen das ich mich mit allen Fasern meines Körpers verwehrte. Zwar haben wir uns noch nicht gesehen, aber du gehörst auch zu uns. Ihre Feststellung beschwor einen unsichtbaren Bann und Kreis herauf, der mich in ihre verschwörerische Clique einbeziehen sollte und zu welchem Zweck und Ziel auch immer gebildet, es bereitete mir äußerstes Unbehagen. Mein Freiheitsgefühl zu dieser Zeit verband sich nicht mit der Mitgliedschaft in einer wie auch immer gearteten Gesellschaft. Es erregte meinen Widerstand und Abscheu. Nein, ich gehöre nicht zu euch, rief es mir und mein Körper richtete sich zur Abwehr auf. Mir wurde heiß wie in einer Sauna; unmerklich griff ich zu meiner Krawatte, um sie zurechtzuschieben und zu lüften. Bei den Eltern meiner Freundin hatte ich mir ja diese Besitznahme noch gefallen lassen, aber hier, bei diesen grauen, dunklen, schwarzen Eminenzen? Nein, Eminenzen waren es nicht, sondern Brüder, Kumpels, Skat- und Schafkopf-, kurzum Kartellbrüder, Komplizen, Partner dunkler Geschäfte und Ahnungen, Polizeispitzel und Ganovenmitglieder; aber auch Schafsköpfe, Feiglinge, Denunzianten, Pokergesichter, Hitleristen und Verdammte, an deren Hände Blut klebte und in deren Innereien die mannigfaltigsten Würmer sich zehrten und mehrten, kurzum der metaphysische Ekel war unweigerlich da; vor was auch immer, ich war augenblicklich auf der Hut. Was willst du einmal werden? Aber doch, wenn ich länger darüber nachdenke, merke ich, dass es schon viel früher anfing. Es begann im Grunde bereits damit, dass die Erwachsenen dich fragten, der du ein Grünschnabel, Neuankömmling und Erst-sich-Bewährenmüssender warst: Und, was willst du eigentlich einmal werden? Oft beobachte ich dies heute bei Gleichaltrigen und sehe sie vor mir, die von den großen Menschen, den Erwachsenen um die Hüften gefasst, dann in die Höhe gehoben, mit besonderem Respekt vor das Gesicht gehalten und gefragt werden: 'Welcher Beruf gefällt dir denn am besten?' Merkwürdigerweise berührte mich es nicht, dass i c h danach n i e m a l s gefragt worden war. Heute erstaunt es mich sehr. Noch mehr aber versetzt es mich ins Nachdenken, weswegen ich mich niemals deswegen, dass ich nicht gefragt worden bin, benachteiligt gefühlt habe? Wie abgrundtief hasste ich diese Frage, eine Standardfloskel, die unweigerlich, schien's, je dümmer, desto früher aus dem Munde desjenigen kam, dem man auf der Straße zufällig begegnete oder auf einer Gesellschaft Fremder - die meist dann ausgesprochen wurde, wenn die Verlegenheit unter den Erwachsenen offensichtlich und unumgehbar war: Was willst du einmal werden? In den langen Nächten, in der Dunkelheit, da lag ich doch wach und überlegte, wie diese Krähenburgen, -felder und 'nester denn aussehen, wo man zu etwas erzogen wurde, dass man danach sagen konnte, ich bin Metzger, Lehrer, Pfarrer oder sonst etwas Bedeutungsvolles geworden? Diese Frage quält den Sprössling. Wie gelange ich dahin? Wer lässt mich da hinein? Welche Prüfungen, Hürden und Personen muss ich passieren? Ein ständiges, wenn auch unbewusstes Fragen keimt, schwelt und sprießt in des Kindes Brust. Wenn man etwas werden will, etwas geworden ist, dann musste man in diese Burgen, Feldern oder Nester wie selbstverständlich aus- und eingehen. Dort ging man einem Beruf nach, verdiente man Geld, gehörte man dazu. Aber ich gehörte nicht dazu. Ich sollte niemals dazu gehören. Doch so leicht war es nicht, sich dafür zu qualifizieren. Andere, scheinbar damit nicht im Zusammenhang stehende Hürden wurden bereits weitaus früher aufgerichtet. Diese zu überwinden, bedeutete die Eintrittskarte ins Stadion der Erwachsenen. Ich sage es gleich, ich überwand sie nicht. Es hinderte mich etwas daran gleich dem geschilderten Vorfall, die erste bewusste Begegnung mit den Krähen überhaupt, wo diese sich erstmals als solche offenbarten und zu erkennen gaben, indem sie wortwörtlich sagten: eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Was aber hinderte mich daran? Lassen sie mich diese unsichtbaren Hürden der frühesten Kindheit schildern, sowie ich es vermag. Die erste Person, die wohl einem in diese unsichtbaren, bedeutenden und überlebensnotwendigen Bezirken der Krähe einlässt oder nicht, scheinen die Krähen-Schlechthin zu sein. Diejenigen, die da alle gleich aussehen, akkurat angezogen und mehr als andere aufrecht daherstolzieren. Von denen wird man als erstes angesprochen, darauf gestoßen, was Sache und Ernst ist, außer der bekannten Verwandtschaft und Familie natürlich, wozu ich noch kommen muss. Ich sehe mich als kleiner Junge mit dem ersten Rad wacklig die Straßen entlang fahren, torkelnd, mutig und tollkühn. Das wird das erste Mal sein, dass ich mit dem Fahrrad in die Schule fahren werde. Was würde das für ein tolles Gefühl sein, mit diesem in den Pausenhof durch das große Tor hineinzuschießen, wo andere Kinder drinnen standen, um auf den Glockenton zu warten. Ich war ja ein Nichts, unbekannt, weil zu den Kleinen zählend, die erst gerade in diese Krähenfabrik eingelassen worden waren, aber durch diese Tat würde ich die erste Aufmerksamkeit auf mich lenken. Der erste Schritt zur richtigen Qualifikation! Dazu musste ich den Talübergang überqueren, ein größerer Wiesengrund, wodurch der mittelgroße Fluss der Stadt floss, ein kleiner brauner Bach. Der Wiesengrund wird links und rechts begrenzt von für meine kleinen Verhältnisse imposante Hügel, welche hinunterzufahren ein beschwingendes Abenteuer darstellt. Ein sich weithin ausstreckender Wiesengrund wird das, was vor mir sich ausbreitet, bereits als Tal bezeichnet, was in bergigen Gegenden nur Schmunzeln hervorrufen würde. Aber es geht steil hinab, sehr steil. Zudem war nicht zu erkennen, da ein kleines Haus an der Kurve stand, wohin und wie die Straße weiterführte, noch ob die Kurve derartig winklig und spitz sich krümmte, dass ich vielleicht mit meinem noch wackligen Fahren aus dieser geriet, die Kurve nicht packte, wie man das mundartlich hieß. Ich würde mit einem Karacho in einem Graben landen oder in den dreckigen, braunen Fluss stoßen. Was soll's, ich war stark, mutig, sprich kein Feigling. Das bewies ich. Ich steuerte auf das in der Talsenke liegende kleine, fränkische Fachwerkhaus zu, wodrinnen eine ältere, dicke von ihrer Fettleibigkeit keuchende Person hauste, so dass es wie ein Hexenhäuschen aus dem Märchen von Hänsel und Gretel entsprungen schien. Es war allenthalben gesäumt und umstanden von mächtigen, hohen Platanen. Gegen und in das Hexenhäuschen mit dem Fahrrad zu rauschen war ein geringes Risiko, jedoch aber gegen die unzurechnenden, dicken Baumstämme dahinter ein größeres. Es war von hier oben nicht auszumachen, wo sie überall platziert waren. Aber mit ihren Blättergeräuschen verursachten sie ein Getöse und eine Bewegung, die beängstigend wirkte, denn wer sich bewegte, konnte sich stoßen, sich verletzen, mit anderen zusammengeraten' es bedeutete Gefahr. Es wirkte also so schön bedrohlich. Endlich würde es einmal brisant werden; endlich war Spannung da. Also weiter! In die Pedale treten. Aber noch bevor ich erkunden konnte, was nach dem Haus auf mich wartete, wurde ich schon daran gehindert. - Wer verleitet dem kleinen Jungen seine beschwingte Freiheit: eine Krähe-Schlechthin. - In einem Ton spricht er mich an, der ungewöhnlich, bedeutungsvoll und nach Krähenwelt klingt. Zudem überraschend. Steig doch mal ab!, sagt er herrschaftsgebietend. Wer ich? Sich doof zu stellen, ist ja immer gut, wenn jemand etwas von einem wollte, wo man ahnte, dass man ihm das aus gutem Grunde nicht bereit war zu geben. Ja, du!, kurzangebunden. Mit dem war nicht gut Kirschen essen, das merkte ich sofort. Ich gehorchte demnach auch gleich. Was zu erwarten war, trat ein. Der unerfahrene Junge glaubte, dass ihm bei diesem ersten Mal noch Glück winkte, wobei es sich doch um kaltes, abgewogenes Kalkül handelte, als ihm nicht ein Verbot ausgesprochen wurde, sondern ein Rat, gleichsam wie eine Einladung klingend. Fahr nicht über den Talübergang mit deinem Fahrrad. Steig lieber ab. Die Begründung erfolgte auch. Ist gut!, gehorchte ich zuletzt willig. Ich wusste, wenn ich das nächste Mal hierherkam, war er doch nicht da, und ich konnte wieder ungehindert die Überquerung passieren. Außerdem war ich heilfroh, mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein, dachte nicht im entferntesten daran und kannte es auch nicht besser, als dass dies stets dieselbe Strategie der Krähen darstellte, wie hier im Kindesalter so auch später: Täuschung, das Gefühl vermitteln, dass Gnade vor Recht gewährt worden war, so dass man den Krähen-Schlechthin dankbar sein musste, wenn nicht gar bei entsprechender Gelegenheit diese Dankbarkeit durch irgendeine klare Tat vergolten gehörte. So wurde man an ihren Gängelbänden gehalten und nach Belieben hierhin oder dorthin dirigiert. Ich bin schon etwas älter, im fortgeschrittenerem Kindesalter, noch kein dreister und intelligenter Jugendlicher, der deren Machenschaften durchschaute, sondern gleichsam noch ein unschuldiges, naives Kind, zwar schon sogenannter Lausbub, Bengel und Frecker, aber noch hänge ich an der Mutter Rockzipfel und des Vaters drohende Hand. Wirklich, nicht mal über meinen eigenen Suppenteller kann ich hinausschauen, als Krähe erneut auf mich zutritt. Nicht etwa, weil ich ein Verbot übertreten habe, sondern weil es ein anderer, andere getan haben. Über andere Menschen zu berichten, fordert mich die Krähe-Schlechthin auf. Dass man diesen anderen Menschen damit nichts Gutes erweist, fühlt man. Trotzdem wird man damit selbst einen Gewinn erzielen, ahnt man. - So wird man hier schon entscheiden müssen, in früherster Kindheit, wirst du einmal eine Krähe oder ein Mensch werden! Willst du Mensch bleiben, wofür du dich entschieden hast, so wird das nächste Mal einer dieser Krähen-Schlechthin dich nicht mehr so freundlich und vertraulich behandeln, sondern, egal, was er von dir will, zum Ausdruck bringen: du bist keine Krähe! Zwar ist damit das Urteil noch nicht gesprochen, noch kannst du dich besinnen, umkehren, dich wandeln; diese Chance offeriert dir die Krähe-Schlechthin immer noch. Aber die Zeichen stehen ungünstig. Der Druck wird verstärkt. Das nächste Mal, wo er dir über den Weg läuft, wird dir Krähe-Schlechthin nicht mehr besonders freundlich begegnen, sprich bittend und schulterklopfend Du-machst- das-schon, weil-du-eine-gute-Krähe-werden-willst, nein, er wird dir eher das Gefühl vermitteln: Hunde-an-die-Leine, wobei du sowohl das eine als auch das andere bist, nämlich dasjenige für denjenigen, Leine für den Hund, Hund für die Leine, jedenfalls fühlst du dich von der Krähenwelt zum ersten Mal von der wirklichen Welt abgekapselt, ausgeklinkt und aus ihr herausgewiesen, sprich richtiggehend ausgeschlossen. Das Krähenparadies wird ab jetzt schwieriger zu finden sein, der Weg Zurück ist, wenn nicht verbaut, so doch verschüttet.

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